Schneevergnügen

P10403081.100 Meter, 150 Meter Höhendifferenz und 15 Minuten Fussweg – nackte Zahlen für ein wunderbares Erlebnis aus meiner Kindheit und Jugend: Die Schlittenfahrt von der (ehemaligen) Schutzhütte Brandenberg, an Hochbehälter und Eisenbahnerheim vorbei den Triftweg hinunter und an der Evangelischen Kirche vorbei bis zur Hafenmauer. Heute möchte ich noch einmal so richtig mit Ihnen Schlitten fahren …

Früher war nicht nur mehr Lametta, es gab auch noch richtige Winter

Ich denke gerne an die recht strengen Winter in den Siebziger Jahren zurück. Es war kalt, vor allem lag jedoch so lange Schnee, so dass es sich lohnte, seine Haus-Schlittenbahn entsprechend zu präparieren. Bald über den bewohnten Grundstücken am Triftweg begann die Forststraße, die geradezu ideal als Schlittenstrecke zu benutzen war. Sie war wenig befahren und zudem so steil, dass sie sowieso kein Auto hätte erklimmen können. Eigentlich galt das für den gesamten Triftweg: Hatten einige wenige Autos den Schnee festgefahren und war er in der eiskalten Nacht überfroren, so war spätestens oberhalb des Kindergartens die Fahrt mit dem eigenen Auto vorbei. Wohl oder übel musste man dabei den entgegenkommenden Kindern ausweichen, die auf ihren Schlitten den steilen Berg hinunter sausten. Mitunter waren sie bereits einige Minuten unterwegs, denn vermutlich begann ihre Schlittenfahrt an der Schutzhütte Brandenberg.

Streckenführung

War das erste Teilstück nahe der Schutzhütte noch sehr flach, wurde es sehr bald sowohl steil als auch gefährlich. Am Hochbehälter hatte man bereits erheblich an Fahrt aufgenommen, bevor es das gefährlichste Hindernis der Strecke zu nehmen galt: Die enge und strenge Rechtskurve. Gelang es einem hier nicht, entsprechend umzusteuern, so fuhr man geradewegs direkt in das Gehölz in den Wald. Das kommende Stück an der Kiefer vorbei bis an die Grundstücksgrenze des Eisenbahnerheims war recht steil und man war immer noch recht schnell unterwegs. Bis zum ehemaligen Forsthaus wurde es etwas flacher, dort endete der erste Teil der Strecke.

Bitte klicken Sie den Streckenverlauf in der Ihnen angenehmen Fahrgeschwindigkeit durch.
Bei zügiger Fahrweise würde man die Strecke wohl in fünf bis sieben Minuten absolvieren.
(Die vereiste Straße und die schneeverhangenen Bäume müssen Sie sich natürlich dazudenken)

Hier traf man bereits oft auf Kinder und Jugendliche, die nicht bereit waren, soweit in den Wald hinauf zu laufen. Es war aber auch ein guter Startpunkt, denn hier wurde es wieder richtig steil. Die zweite scharfe (und doppelte) Kurve befand sich dann kurz vor dem Ziel, Ecke Triftweg / Gallandstaße / Lutherstraße. Die letzte Herausforderung war, nicht mit seinem Schlitten gegen die Hafenmauer zu fahren. In diesen richtig kalten Wintern befand sich die eine Hälfte der Kinder auf den diversen Schlittenstrecken, die andere drehte auf dem zugefrorenen Hafen und auf Schlittschuhen seine Runden.

Die anderen Schlittenstrecken

War die Schlittenstrecke von der Schutzhütte Brandenberg bis zur Hafenmauer vielleicht die schönste und vermutlich auch die längste unter den präparierten Pisten, so gab es natürlich auch noch viele andere: Der kleine Hügel bei der Einfahrt zu Massagepraxis Gaminek war bereits wenige Stunden nach dem ersten Schneefall eine reine Eisbahn – so gut wurde sie frequentiert. Soweit ich weiß, gab es in der Gartenstadt auch eine tolle Schlittenstrecke aus Richtung Forelllenhof den Wald einen Weg herunter. Nicht zu vergessen natürlich die Piste unterhalb der Krukenburg – an den Huppeln dort habe ich einmal einen meiner Schlitten geschrottet. Die richtig coolen Kinder aber hatten ihre eigene Strecke: ‚Assauers Kamp‘ am C.-D,-Stunz-Weg. Sehr steil, ständig vereist und ziemlich gefährlich. Heute stehen dort größtenteils Wohnhäuser.

Gefahren

Kam man am Nachmittag nach einem Schultag hinauf zum Hochbehälter und war am Morgen ’schulisches Schlittenfahren‘ befohlen, führten doch einige Spuren an der engen Kurve am Hochbehälter direkt geradeaus in den Wald. ‚Uns Profis‘ konnte das natürlich nicht passieren. Ob es bei diesem Ausflug ins Gehölz jemals Verletzte gab, das weiß ich nicht. Einer von uns ist mal gegen die Kiefer etwas weiter unten gefahren, was meiner Erinnerung nach auch glimpflich ausgegangen ist. Einzig einer unser Kollegen hat sich einmal seinen Daumen gebrochen – natürlich fuhr man ‚Baucher‘ und hielt sich entsprechend am Schlitten fest. Jedes Hindernis suchte sich dann natürlich seine entsprechende ‚Sollbruchstelle‘.

Zwei Anekdoten

1: Als Reaktion auf die Ölkrise wurde in Deutschland an vier Sonntagen ein allgemeines Sonntagsfahrverbot auch für den Pkw-Verkehr verhängt: Am 25. November, sowie am 2., 9. und 16. Dezember 1973. Meiner Erinnerung ging das mit ausreichend Schnee einher, so dass wir an diesen Tagen noch weniger Angst vor eventuell kreuzenden oder entgegenkommenden Autos haben mussten.
2: Es gab einmal den heroischen Versuch, die Straße vom damaligen Forsthaus bis zu Schäfers Damwildgehege mit dem Schneeschieber zu räumen. Gestreut wurde offensichtlich nicht, das Ganze überfror über Nacht und für einige Tage hatten wir die schönste Eisbahn zum Rodeln.

Ja, damals …

Leider fehlt es heute im Gegensatz zu früher an fast allem: Den schneereichen Wintern, rodelnden Kindern und dem Sonntagsfahrverbot. Heute würde der Triftweg als Hauptbestandteil der Schlittenstrecke vermutlich sofort geräumt, zudem haben die Autos heute stärkere Motoren.

Aber ich durfte es noch erleben, von einer Höhe von 256 Metern hinunter auf 106 Meter 1,1 Kilometer rodeln zu können – eine Strecke, für die man in diese Richtung zu Fuß gute fünfzehn Minuten benötigt. Eine schöne und für mich wertvolle Erinnerung.

Verwendete Quellen und zum Weiterlesen

Wikipedia zum Wochenendfahrverbot