Funkwellen und schwarze Kanäle

IMG_0292Graue Tag wie den heutigen habe ich in Kinder- und Jugendtagen regelmäßig vor dem Radio oder dem Fernseher verbracht. (Bad) Karlshafen lag und liegt im Dreiländereck Hessen – Nordrhein-Westfalen – Niedersachsen, was rein funktechnisch einige interessante Vorteile hatte: Neben den Sendern des Hessischen Rundfunks konnte man auch noch die Sendungen vom Westdeutschen und vom Norddeutschen Rundfunk sowie unter Umständen sogar die aus dem anderen Teil Deutschlands verfolgen – wohnte man wie ich auf einem Berg und hatte man eine ausreichend starke Antenne.

Einige Appetithäppchen: Im Radio hatte man die Gelegenheit, neben der ‚Internationalen Hitparade‘ mit Werner Reinke (HR3) auch noch Mal Sondock’s Hitparade und die Schlagerrallye vom WDR sowie das Clubwunschkonzert von NDR 2 zu hören. Im Fernsehen gab es anstatt ‚Onkel Otto‘ im HR ‚Ute, Schnute, Kasimir‘ im WDR-Regionalfernsehen. Kennen Sie die noch? West 3 als zusätzliches drittes Programm konnte man ausreichend gut empfangen, bei Nord 3 war das leider nicht möglich.

Begleiten Sie mich gerne zurück in eine Zeit, in der sich noch nicht jeder Sender via Satellit ins Wohnzimmer holen ließ und man medientechnisch noch auf eine spannende Entdeckungsreise gehen konnte.

Radioaktiv

P1040498Jeden Donnerstag gab es auf HR3 zwischen 18.05 und 20.00 Uhr (später zwischen 19.05 und 21.00 Uhr) die Internationale Hitparade mit dem Kult-Moderator Werner Reinke. Diese Sendung wird vermutlich jeder kennen, der wie ich in den Siebziger und Achtziger Jahren in Karlshafen aufgewachsen ist. Ein Tipp an dieser Stelle: Werner Reinke moderiert (quasi) jeden Samstag zwischen 9.05 und 12.00 Uhr ‚Reinke am Samstag‘ auf HR1. Auf 93,2 Mhz gab es jeden Mittwochabend auf WDR2 ebenfalls beides: Eine Hitparade und einen Kult-Moderator – Mal Sondock. Mit seiner ‚LP der Woche‘, ‚Hit oder Niete‘ und dem ‚Telefontipper‘ sowie seinem steinharten amerikanischen Akzent hat er uns Woche um Woche für eine Stunde begeistert.

Zunächst samstags zwischen 19.05 und 21.00 Uhr, später dann Montags zwischen 20.05 und 21.00 Uhr lief die Schlagerrallye. Moderatoren waren ‚die Wolfgangs‘ Neumann und Roth. Zunächst wurde die Sendung auf WDR2 ausgestrahlt, später dann auf WDR1. Die damalige ‚Ewigenbesten Hitparade‘ mit ‚Don’t bring me down‘ vom Electric Light Orchestra an der Spitze sowie diversen Supertramp- und Queen-Titeln habe ich noch in guter Erinnerung.

Die Internationale Hitparade auf NDR2 lief jeden Samstag zwischen 18.05 und 20.00 Uhr. Gute Musik, nur zum Aufnehmen der Titel war der Empfang leider zu schlecht.

Eine weitere Hitparade aus der benachbarten Sendeanstalt war die Hitparade von NDR1 – Radio Niedersachsen. Zwischen den Schlagern waren auch immer mal wieder ein paar richtig gute Lieder mit dabei.

Herausragend in meiner Geschichte als Radiohörer war die Hitparade auf BR3, dem Popmusikprogramm des Bayerischen Rundfunks. Gutes Karma, sehr gute Empfangsbedingungen und ein Zwei-Meter-Yagi machten es möglich, ein-, zweimal die Sendung verfolgen zu können. Ich kann mich noch daran erinnern, dass Nenas ‚Leuchtturm‘ auf Platz 1 war – damals war der Song in noch keiner der hiesigen Charts vertreten.

Meine konzeptionell liebste Radiosendung war das NDR2-Club-Wunschkonzert mit Günther Fink. Sonntag zwischen 18.05 und 20.00 Uhr gab es ‚Die lange Rille‘, ‚Jokies‘, die ‚Schmuseecke‘ sowie ‚Soundtracks und Filmmusik‘. Ich weiß noch wie heute, dass während der ‚Kontaktecke‘ immer die Discoversion von ‚Memory‘ (aus Cats) gespielt wurde. In dieser Rubrik konnte man ‚Kontaktgesuche‘ verlesen lassen, im Sinne von ‚Ich suche das Mädchen mit dem blonden Haaren und dem blauen Pullover, dass mir letzten Samstag so nett zu gelächelt hat, als ich sie beim Schlittschuhlaufen auf dem Wietzesee umgestoßen habe.“ – oder so ähnlich. 🙂

Doch gab es nicht nur die Musik, auch das sogenannte ‚Inforadio‘ kam für mich aus dem medienpolitischen Ausland: Jeden Montag bis Freitag zwischen 18.10 und 20.00 Uhr lief auf WDR2 die Informationssendung ‚WDR zwei zu eins: Thema heute‘. Jeden Tag ein anderes Thema: Von Politik bis zu einer Sendung nur mit Musik von Pink Floyd – anlässlich ihrer ‚The-Wall‘-Tournee 1981. Lieblingstitel der Sendung war offensichtlich ‚Games people play‘ von The Alan Parsons Projekt – zumindest haben sie meiner Erinnerung nach keinen Titel öfters gespielt.

Mal ‚Fern-sehen‘

P1030556Auch die Möglichkeit, west- oder norddeutsche Fernsehsender zu empfangen, hatte seinen Reiz: Konnte man beispielsweise im Regionalfernsehen des WDR damals noch andere Sendungen sehen, als bei Onkel Otto in Hessen 1: Vielleicht erinnern Sie sich, dass Sendungen wie ‚Das A-Team‘, ‚Der Sonne entgegen‘, ‚Hart aber herzlich‘ und noch so viele mehr zunächst in den Regionalprogrammen der ARD liefen, bevor sie heute ihre Endlosschleifen in den Privatsendern drehen. Das gilt ganz sicher für meine Lieblingskrimiserie ‚Remington Steele‘. Entsprechendes für den NDR: Machten in den Werbepausen des WDR-Fernsehen ‚Ute, Schnute, Kasimir‘ ihre Späße, so sah man beim NDR das Walross Antje schnaufen.

Bei den Dritten Programmen war allein West 3 bei uns in ausreichend guter Qualität zu empfangen. Eine gute Alternative zu Hessen 3 bezüglich Spielfilmen und Dokumentationen. Bei Nord 3 reichte es gerade, um ein schwaches Bild zu erkennen und den Ton zu verstehen. Leider.

Interessant war es hingegen, auch einmal das ‚DDR-Fernsehen‘ zu verfolgen. Doch gelang das auf dem Berg nicht, sondern der bessere Empfang war unten im Tal. Ein Freund hätte, an der Diemel wohnend, durchaus die Möglichkeit gehabt, regelmäßig dem ‚Schwarzen Kanal‘ zu folgen, der DDR-Propagandasendung von und mit Karl-Eduard von Schnitzler.

Fazit

Waren die Möglichkeiten vorhanden, Rundfunk grenzüberschreitend zu genießen, so erforderte das doch einigen technischen Aufwand. Die hügelige Landschaft war durchaus in der Lage, trotz der geographischen Nähe, empfangsstörend einzuwirken. Heute gibt es terrestrisches Fernsehen nur noch digital über DVBT. In Bad Karlshafen ist das auch gar nicht so einfach, da der nächste Sendemast im Habichtswald steht – und nicht mehr auf dem Brandenberg. Doch gibt es in Zeiten von Satellitenempfang und Internet sowieso keine Probleme, quasi jedweden Sender der Welt überall zu empfangen. Was heute Alltag ist, war damals ein Abenteuer – eines, das ich nicht missen möchte.

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