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Das Friedenstal – eine schöne Erinnerung (1)

Ich denke, fast alle Kinder aus Karlshafen haben eine schöne Erinnerung an das Friedenstal am Rand des immergrünen Sollings. Wir haben dort gespielt, Dämme gebaut und wieder eingerissen, Hütten gebaut und als Pfadfinder das Terrain erkundet. Doch auch die Erwachsenen schätzten dieses liebliche Tal als Oase der Ruhe – wenn nicht gerade spielende Kinder lautstark durch das lustvolle Einreißen eines Dammes die nächste Flutkatastrophe für den kleinen Eisenbahntunnel auslösten. Es war ja auch ein Ruhe- und Rastpunkt von Generationen von Wanderern – schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts.

In mehreren Blogfolgen möchte ich Ihnen Geschichten über das Friedenstal erzählen. Die ersten beiden Kurzgeschichten behandeln die glückliche Vergangenheit, an die sich viele von uns noch gerne erinnern. Heute geht es um eine außerplanmäßig lange Ruhepause von wandernden Eisenbahnern, die sich Carlshafen als Ausflugsziel gesucht haben und nun einen sonnigen Junisonntagmorgen in der weißen Stadt im Grünen verbringen.

Sollten Sie besondere Erinnerungen an das Friedenstal haben, so lassen Sie mich gerne an Ihnen teilhaben. Erzählen Sie mir und uns davon, vielleicht haben Sie auch noch schöne Fotos oder Postkarten. Es wäre schade, wenn das Friedenstal, welches sich heute in einem erbarmungswürdigen Zustand befindet, noch weiter in Vergessenheit geriete. Und nun viel Spaß mit der exklusiven Kurzgeschichte „Wanderers Rast im idyllischen Friedenstal“

„Wanderers Rast im idyllischen Friedenstal“

Nordhessen, irgendwann vor dem großen Krieg: Der Eisenbahnerverein Hannover hatte sich heute Carlshafen als Wanderziel ausgesucht, die schöne Stadt an der Weser mit ihren herrlichen Wäldern und gut ausgebauten Wanderwegen. Mit dem Zug ging es über Göttingen zum Bahnhof rechtes Weserufer. Die Männer waren schon durch die Bahnfahrt in bester Stimmung, als es nach der Ankunft zunächst eine kurze Wanderung zu bewältigen galt. Alles war bestens organisiert, die Eisenbahner erhielten in der Gepäckausgabe ihr Fresspaket und für den Transport der geistigen Getränke wurde kurzerhand der Handkarren des hiesigen Bahnhofsvorstehers requiriert. In Richtung Stadt ging es bereits vor der mächtigen stählernen Weserbrücke linkerhand an den schönen Villen vorbei den Weg an der Weser entlang. Doch bevor man sich zu sehr an den Anblick des schnell fließenden Stromes gewöhnen konnte, ging es auch schon hinein in den Wald. Ein kleiner Tunnel, der bei einigen der sich eifrig unterhaltenden Kollegen noch längere Zeit eine Beule aufgrund seiner geringen Höhe hinterließ, war das Tor zu einer neuen Welt, die hier niemand der Wanderer erwartet hatte.

Schon durch den Tunnel hatten sie mit ihren festen Wanderstiefeln durch das Wasser des kleinen Bachlaufs waten müssen. Vor allem die, die im gleichen Augenblick nicht noch über die Beule am Kopf schimpften, waren neugierig auf das, was nun kommen sollte. Nach Verlassen des Tunnels sahen schon einige hinauf zu der senkrechten Fontaine, die dort in einigen Metern Entfernung sprudelte und brodelte. Nur noch einige Stufen hinauf, dann erreichten die Wanderer dann ihren ersten Zwischenstopp. Mittlerweile war es halb zwölf, Zeit für ein zünftiges zweites Frühstück. Die Männer setzten sich auf die Bänke rund um den kleinen Teich mit dem Springbrunnen. Sogar die Bank oben auf dem Hügel, zudem ein kleiner Pfad führte, wurde belegt. Man öffnete sein Vesperpaket und beeilte sich, in die Schlange vor dem Handkarren zu kommen, wo der Schatzmeister für zehn Pfennige ein gekühltes Bier verkaufte. Man ließ es sich schmecken und einige Wagemutige setzten sich auf das kleine Begrenzungsmäuerchen des Teichs und hielten ihre Füße in das kalte Wasser. Dorthin, wo man im flachen Becken auch schon die Bierflaschen zur Kühlung gelagert hatte. Ein lautes Schwätzen erfüllte den Platz, die Kinderbande, die sich gerade mühsam auf ein neues Staudammprojekt vor dem sonntäglichen Mittagessen verständigt hatte, blieb der feiernden Männerhorde schüchtern fern. Sie lugten kurz hinter den schützenden Büschen hervor, doch schon bald suchten sie wieder das Weite: Sie hatten das Interesse an der Gruppe verloren. Sicher wäre das anders gewesen, hätte sich ein Liebespaar an diesem lauschigen Platz getroffen, um heimlich erste Zärtlichkeiten auszutauschen.

So laut die Männerstimmen das Rauschen des Baches übertönten, so schnell verstummten die Eisenbahner, als plötzlich Gesang an ihre Ohren drang. Auf dem Weg oberhalb des Friedenstals kam eine circa zwanzigköpfige Männergruppe von ihrem Weg aus Wahmbeck auf das Tal zu. Sie hatten die sonntägliche Wanderung unternommen und würden in Carlshafen im Gasthaus zum Weserdampfschiff das Mittagessen einnehmen – der Tisch war bereits bestellt, es war an diesem warmen Junisonntag ein großer Andrang an auswärtigen Gästen und einheimischen Spaziergängern zu erwarten. Um halb sechs und einer Stippvisite beim Sonntagstanz auf der Bergrestaurant Juliushöhe sollte es mit dem Weserdampfer „Fürst Bismarck“ wieder zurück nach Wahmbeck gehen. Diese Tour unternahmen sie in den Sommermonaten an jedem ersten Sonntag.

Es kam, wie es kommen musste: Bevor die Wandersleut ihren Weg in die Stadt fortsetzen konnten, wurden sie von den Eisenbahnern zum kalten Bier eingeladen, später sang man zusammen zünftig das ein oder andere Lied. Inzwischen wateten einige Unerschrockene bereits durch den Teich und das Wasser, das nun längst nicht mehr im klaren Zustand durch den kleinen Tunnel hinunter in die Weser floss.

Kamen stündlich die Dampflokomotiven am Friedenstal vorbei, gab es allerseits ein lautes Hallo der Kollegen, was vom Lokomotivführer mit einem lauten Signal und den gutgelaunten Fahrgästen mit einem fröhlichen Winken aus den weit geöffneten Fenstern belohnt wurde.

Als das Wasser im Bach kalt blieb, sich die Gemüter der Eisenbahner durch die prächtige Sonne und das Bier immer weiter aufheizten, verständigte man sich, auf den Weg hinauf zu einem vielgepriesenen Aussichtspunkt – später sollte er den Namen Sohnreyhöhe bekommen – zu verzichten und mit den Sängersleuten in den Ort zu torkeln, um in einer der zahlreichen Gastwirtschaften des Ortes noch ein vorletztes und letztes kühles Bier zu trinken – die mitgebrachten Vorräte waren längst verzehrt. Mühsam sammelten alle zusammen die auf dem Gelände verteilten Bierflaschen ein und steckten sie in ihre Rucksäcke – ein lustig Lied auf den Lippen kamen auch diesmal auch nicht alle unfallfrei durch den kleinen Tunnel, der heute für diese Gruppe Menschen das Tor zu einem kleinen Paradies darstellte – ein Ausflug, an den sie alle sicher für lange Zeit zurückdenken würden.

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