Geschrieben am

Vergessene Orte und verlorene Wege

P1030583Wie einige von Ihnen bereits wissen, habe ich in einem meiner Beiträge auf der Blogseite über meine Heimatstadt Bad Karlshafen unter der Rubrik ‚Vergessene Orte‘ bereits einen Artikel über den Charlottenstein verfasst. Ich kenne den Charlottenstein – ebenso wie die Himmelsleiter und die Hessenkanzel – bereits seit meiner frühesten Kindheit. Wir haben dort gespielt, sind in den alten Steinbrüchen herumgeklettert und haben im Wald so manche Hütte gebaut. Wenn ich jedoch heute einmal wieder die alten Wege entlanggehe, so macht es mich traurig, sowohl die Monumente als auch die Wege in einem derart schlechten Zustand zu sehen.

Ich möchte in diesem Blogbeitrag die Erinnerung zurückholen an die Stätten unserer Kindheit und Jugend – egal ob in Bad Karlshafen oder Helmarshausen -, die Schönheit mancher Flecken in unserer unmittelbaren Nähe betonen und ihren Wert für ein touristisches Gesamtkonzept für die Stadt herausstellen.

Reden ist das eine, aktiv etwas tun etwas anderes. Warum also nicht so initiativ werden wie die Menschen, die am Radweg die zwischen Helmarshausen und Wülmersen eine vom Sturm zerstörte Schutzhütte wieder errichtet haben (HNA, 29.09.15). Oder das Beispiel ‚Himmelsleiter‘: Dort hat eine Privatperson die nicht mehr trittsicheren Stufen der langen Treppe in Eigeninitiative wieder hergestellt.

Chapeau für solch einen Einsatz!

Lesen Sie mehr über „Wie es war.“, „Wie es ist.“„Wie es sein könnte.“ Erfahren Sie, wie Sie sich daran beteiligen können, unseren ‚Märchenwald‘ wieder zu dem zu machen, was er früher einmal war.

Es war einmal …

… da waren an den alten Telefonmasten bei uns in der Straße blaue, rote und grüne Schilder mit den Nummern ‚4‘, ‚5‘ und ‚6‘ zur Identifizierung der verschiedenen Wanderwege angebracht. Nachdem die Telefonkabel in die Erde verlegt wurden und die Masten nicht mehr benötigt wurden, wurden die Nummern an anderen Stellen angebracht. Ich bin in Kindertagen oft mit meiner Mutter im Wald spazieren gegangen. Den Nummern am Wegesrand schenkten wir kaum Beachtung, denn der Charlottenstein, die Schutzhütte ‚Brandenberg‘ und die Himmelsleiter waren uns sehr vertraut. Man ging zur Hessenkanzel oder zum Hermann-Löns-Platz und schnaufte den ‚Zick-Zack-Weg‘ hinauf. Die Wege waren gepflegt und gut frequentiert. Damals hatte der Begriff ‚Sonntagsspaziergang‘ noch seinen festen Platz in der typischen Karlshäfer/Helmarshäuser Familie. Gleichzeitig freuten sich viele Gäste der Stadt über die gut ausgeschilderten Wanderwege.

IMG_0205_2Viele werden auch noch das kleine grüne Heftchen kennen, den ‚Wanderführer Bad Karlshafen‘ mit ’36 markierten Touren mit Beschreibung‘. Was sich heute anhört wie die früher bekannte Kinderzeitschrift ‚Yps mit Gimmick‘, hatte es tatsächlich in sich: Die kürzeste Strecke war gerade einmal drei Kilometer lang und führte vom Hafenplatz über den Sonnenweg (schöne Beschreibung: ‚Alte Bahntrasse‘) zum Bürgerhaus in Helmarshausen. Hingegen hatte der längste Wandervorschlag Hannoversch Münden zum Ziel. Die Wanderroute führte über Sababurg und Udenhäuser Straße in die Stadt, ‚wo Fulda und Werra sich küssen‘ – immerhin 42 Kilometer und damit eine komplette Marathondistanz. Mit ‚erwanderten‘ 100 Punkten verleih einem die Kurverwaltung der Stadt die Bronzene Wandernadel. Die silberne Auszeichnung bekam man für 200 Punkte, für die ‚Goldene Wandernadel Bad Karlshafen‘ brauchte man gar 350 Punkte. Letztere muss auch noch irgendwo bei mir im Schrank liegen. Mein schönstes Erlebnis in diesem Zusammenhang war die Wanderung von Bad Karlshafen nach Bodenfelde: Der herrliche Solling lag an diesem Herbstmorgen in einem dichten Nebel und alles wirkte wirklich wie in einem Märchenwald. Dieser ist liegt ja bekanntlich auf der anderen Weserseite und hatte auch seine besonderen Reize: Ich weiß nicht genau, wie oft ich früher die in meinen Augen wunderschöne Runde Triftweg-Charlottenstein-Himmelsleiter-C-D-Stunz-Weg gelaufen bin.

Wo sind ‚4‘, ‚5‘ und ‚6‘?

P1030577Nun sind ‚4‘, ‚5‘ und ‚6‘ verschwunden und mit ihnen auch die Mehrzahl der Wanderwege, die jedem Naturliebhaber wunderbare Wanderungen im stadtnahen Reinhardswald oder Solling versprachen. Während die Schutzhütten ‚Königsberg‘ und ‚Heidelbeerkopf wie eh und je dem Wanderer bei wideren Umstanden Schutz bieten, gibt es die Schutzhütte ‚Brandenberg‘ seit einigen Jahren nicht mehr. An ihrer Stelle befindet sich nun lediglich ein Rastplatz. Für mich ist das Verschwinden dieser Schutzhütte symptomatisch für den Verfall einstmals herrlicher Wanderreviere. Einer dieser ‚vergessenen Orte‘ im stadtnahen Reinhardswald ist meiner Ansicht nach der Charlottenstein. In meinen Augen ein wertvolles Kleinod, verkommt es mit der Zeit immer mehr und wird vermutlich irgendwann nicht mehr zu retten sein. Von den ehemals drei Zuwegen ist derzeit nur noch einer in einem Zustand, der ein Erreichen des Charlottensteins möglich macht. Würden ihn nicht die Wandergruppen des Weinhauses Römer sowie einige versprengte Wanderer ab und zu aufsuchen, so würde wohl niemand seinen weiteren Verfall bemerken. Ein Stoß Holz liegt quer über seinem Zuweg, dieser ist aufgrund von hohem Gras und Totholz in einem erbarmungswürdigem Zustand. Der Charlottenstein und verlorenen Zuwege sind meiner Ansicht nach ein gutes Beispiel dafür, wie eigentlich das Potential, welches die Wälder rund um den Ort beinhalten, der Zerstörung preisgegeben wird. Dabei handelt es sich in meinen Augen hier um ein Pfund, mit dem die Stadt durchaus wuchern könnte – vorausgesetzt es gibt Initiativen, dies zu ändern.

Doch es gibt noch mehr Wege, die aufgrund fehlender Pflege oder mangelnder Organisation verwaisen: Beispielsweise der Zugang zum Hermann-Löns-Platz oder der herrliche Weg vom Sängertempel über die Deichmannsgrotte zur B83. Mit etwas gutem Willen wären diese Wege sicherlich wieder zugänglich zu machen. Was für mich persönlich ein Ärgernis ist, ist dass der direkte Wanderweg zwischen Carlsplatz und Hugenottenturm durch den Verkauf der Juliushöhe an eine Privatperson und in Folge des verweigerten Wegerechts des neuen Besitzers allen Wanderern versperrt ist. Ich fand den Zugang an der Grundstücksgrenze verschlossen vor, eine Freundin wurde unfreundlich darauf hingewiesen, dass dies nun Privatbesitz sei. In meinen Augen ist dieses Nicht-mehr-Nutzen-können wirklich ein Trauerspiel.

Vergessene Orte und verlorene Wege in das kollektive Gedächtnis zurückbringen

Ich möchte das Thema der vergessenen Orte und verlorenen Wege in meinem Blog gerne thematisieren. Dem Charlottenstein als ‚Vergessenem Ort‘ werden weitere folgen. Als ersten ‚Verlorenen Weg‘ habe ich den Zuweg zum Charlottenstein und den Talweg vom Sängertempel bereits genannt. Doch welche verlorenen Wege gibt es sonst noch? Um genau das in Erfahrung zu bringen, werde ich in den kommenden Tagen über meinen Blog ‚Treffpunkt Hafenmauer‘ sowie über Facebook um Mithilfe bitten, die ‚Vergessene Orte‘ und ‚Verlorenen Wege‘ aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken. Denn nur was man kennt, lässt sich wieder zurückgewinnen. Darum schon heute meine Bitte an all meine Leser: Helfen Sie mir, diese verlorenen Kulturgüter wieder allen Bürgern der Stadt in Erinnerung zu rufen!

Vergessene Orte und verlorene Wege erst bekannt und dann wieder zugänglich machen

P1030578Jede/r in Bad Karlshafen diskutiert heute mehr oder weniger sachlich über das Projekt Hafenöffnung. Meiner Ansicht nach sollten neben den finanzintensiven Großprojekten auch die kleineren Projekte nicht außer Acht gelassen werden. In der Summe stellen sie einen ebenfalls beachtenswerten Beitrag zur Erhöhung der Attraktivität der Stadt dar. Erste Initiativen und einen Runden Tisch gibt es bereits. Warum sollte man also nicht Mitstreiter zu gewinnen versuchen, die sich in einem ersten Schritt dazu entschließen, den alten Zuweg aus Richtung Triftweg/Abendfrieden in einen solchen Zustand zu bringen, dass man den Charlottenstein wieder ohne Probleme zu erreichen vermag. Dazu wird es vor allem notwendig sein, hohes Gras, Fahrrillen, Geäst und weitere Hindernisse zu beseitigen. Vieles davon werden wir in Eigenarbeit bewältigen können, doch wird auch die Stadtverwaltung organisatorisch ins Spiel kommen, beispielsweise, wenn es um die Wegerechte und Verhandlungen mit dem Forst geht. Sobald es das ‚Kataster der vergessenen Orte und verlorenen Wege‘ gibt, werde ich Mitstreiter suchen, die mit mir zusammen eines der meiner Meinung nach schönsten Kleinode der Stadt wieder aus seinem Dornröschenschlaf aufwecken. Möchten Sie bereits heute Ihr Interesse bekunden? So lassen Sie es mich gerne wissen und schreiben mir eine Mail an info@federstrich3610.de oder nutzen Sie das Kontaktformular.

Ich bin gespannt!