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Bericht vom 49. Deutschen Hugenottentag

2015 hatte Bad Karlshafen vom 4. bis 6 September die Ehre, den 49. Deutschen Hugenottentag auszurichten. Zirka 55 Teilnehmer reisten in die Hugenottenstadt, um untereinander den informativen und persönlichen Austausch zu pflegen. Das interessante Programm umfasste eine Ausstellungseröffnung, eine Buchvorstellung, Vorträge, einen ‚Bad Karlshafener Abend‘, einen ‚Winzerimbiss‘, Exkursionen und noch einiges mehr. Die Tagung wurde von der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft e. V. in Kooperation mit der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Karlshafen, dem Deutschen Hugenotten-Museum und der Marie-Durand-Schule veranstaltet.

Freitag

P1040227Der 49. Deutsche Hugenottentag begann in der Stephanuskirche mit den Grußworten der Ausrichter und Veranstalter. Erster Programmpunkt war ein Kurzvortrag von Jochen Desel zu der von ihm und Mary Gundlach verfassten Tagungsschrift ‚Marie Durand – Kämpferin für die Glaubensfreiheit‘.

An die Buchvorstellung schloss sich eine kurze Einführung in die Ausstellung ‚Der Vorreformator Jan Hus‘ an, mit der Pfarrerin Dorothee Löhr aus Mannheim die Teilnehmer auf den nächsten Programmpunkt einstimmte. Anschließend wechselte die Gruppe den Veranstaltungsort: Im Deutschen Hugenottenmuseum wurde die Ausstellung ‚Der Vorreformator Jan Hus‘ offiziell eröffnet. Die Teilnehmer hatten ausreichend Gelegenheit, die Ausstellung zu genießen – sie ist noch bis zum 31. Oktober 2015 zu sehen. Sie schildert die Geschichte von Jan Hus, der 1415 zum Konstanzer Konzil gereist ist, um sich gegen den Vorwurf der Ketzerei zu verteidigen. Ganz Europa kam damals in Konstanz zusammen, um über Kirchenreformen zu diskutieren (es war die Zeit, wo drei Päpste gleichzeitig im Amt waren). Nur wenige Wochen nach seiner Ankunft im November 1414 wurde der Prager Magister Hus trotz eines Schutzbriefes König Sigismunds gefangen genommen und am 6. Juli 1415 als Ketzer verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Auf dem ‚Bad Karlshafener Abend‘ in der Aula der Marie-Durand-Schule hielt Schulleiter Karl-Erwin Franz einen sehr interessanten Vortrag über die Geschichte der Stadt Bad Karlshafen, auf dem sogar alteingesessene Karlshäfer wie ich noch einiges lernen konnten. Umrahmt wurde der Vortrag von mehreren Klanghöhepunkten dreier Lehrerinnen des Fachbereichs ‚Musik‘, die an diesem Abend als Premiere ihr erstes gemeinsames Konzert gaben.

Samstag

Der Samstagmorgen begann mit einer Hiobsbotschaft: Vorgesehen war der Vortrag ‚Die Brüder Grimm und Frankreich – Les Frères Grimm et la France‘, den Dr. Bernhard Lauer – Leiter des Brüder Grimm-Museums Kassel und Geschäftsführer der Brüder Grimm-Gesellschaft – halten sollte, welcher jedoch kurzfristig absagen musste. Die Veranstalter improvisierten den Ausfall jedoch gekonnt und stellten in kürzester Zeit ein attraktives Ersatzprogramm auf die Beine: Jochen Desel präsentierte in der Stephanuskirche einen in der Nacht zuvor erarbeiteten und sehr interessanten Fachvortrag über die Brüder Grimm und den Ursprung ihrer ‚Kinder- und Hausmärchen‘. Umrandet wurde das Programm mit musikalischen Darbietungen von Christian Schäfer am Cembalo und Ulrich von Hecker an der Geige. Ein absolutes Highlight waren jedoch die Lesungen von Pfarrerin Dorothee Löhr, die zum großen Vergnügen der Zuhörer die Märchen ‚Rapunzel‘ und ‚Dornröschen‘ vorlas.

Anschließend wurde es wissenschaftlich, Pfarrer Gerhard Wenzel aus Köln referierte über ‚Das diakonische Engagement der Hugenotten‘. Der Vortrag begann mit Nervennahrung: Der Referent reicht Teller mit Schokolade herum, die an das soziale Engagement der Firma Suchard erinnern sollte, Nachfahren von Hugenotten.

Sehr beeindruckend war in meinen Augen der folgende Programmpunkt: ‚Tafeln mit der Tafel‘. Die Teilnehmer nahmen im Gemeindesaal der Stephanuskirche ihr Mittagessen zu sich – serviert von der ‚Tafel‘, einer wohltätigen Organisation, die Bedürftige mit Lebensmitteln und warmen Mahlzeiten versorgt. In Bad Karlshafen sind 67 Familien mit insgesamt 144 Personen zur Tafel angemeldet und nehmen sie in Anspruch.

Am Nachmittag gab es dann eine mehrstündige Exkursion in die Hugenotten- und Waldenserstätten der Umgebung. Erstes Ziel war die Waldenserkirche in Gewissenruh aus dem Jahr 1779. Anschließend ging es nach Gottstreu, wo ebenfalls die Besichtigung des Gotteshauses – ebenfalls eine Waldenserkirche – auf dem Programm stand. Sie wurde 1730 fertiggestellt, dem Todesjahr von Landgraf Carl. Eine große Überraschung erwartete uns dann in Mariendorf: Vor der dortigen Hugenottenkirche (1712) warteten bereits Mitglieder des Ortes, um uns in der traditionellen Kleidung ihrer Vorfahren zu begrüßen. Das nächste Ziel der Exkursion war die 1704 eingeweihte Hugenottenkirche in Carlsdorf. Der letzte Programmpunkt der Exkursion war keine Kirche, sondern das 1710 errichtete Hugenottenhaus in Schöneberg. Das Thema der Exkursion, ‚Auf den Spuren der Hugenotten und Waldenser im nördlichen Landkreis Kassel‘ wurde begeisternd und eindrucksvoll von Jochen Desel geleitet. Wieder einmal wird einem nach einer solchen Besichtigungstour bewusst, welche interessanten Ausflugsziele sozusagen ‚zum Greifen nahe sind‘.

Nach dieser ‚anstrengenden Tour‘ hatten sich die Teilnehmer des Hugenottentages eine Pause verdient: Die Eindrücke der Exkursion konnten bei einem Weinausschank mit Imbiss im Hugenottischen Weinhaus Römer vertieft werden. Dort saßen wir mit gutem Wein und leckeren Speisen und unterhielten uns gut. Ich hatte viele interessante Gespräche über alle möglichen Tehmen – ob nun zu den Hugenotten oder meiner Heimatstadt Bad Karlshafen – oder einfach nur über ‚Gott und die Welt‘.

Zum Abschluss des zweiten Veranstaltungstages mussten sich die Hugenottenfreunde noch einmal entscheiden. Zur Auswahl standen ein Genealogischer Abend im Deutschen Hugenotten-Zentrum oder ein Vortrag von Pastor Dr. Andreas Flick in der Stephanuskirche zum Thema ‚Verfolgt um des Glaubens willen – Christen und Jesiden im Orient‘. Der Referent machte auf eindringliche Weise deutlich, welche erschreckenden Parallelen eigentlich zwischen den Glaubensflüchtlingen von früher und heute bestehen.

Sonntag

Am Sonntag begann die Veranstaltung mit einem Festgottesdienst in der Stephanuskirche mit Pfarrer Daniel Fricke, die Predigt hielt Bischof Martin Hein.

Zum Abschluss des Hugenottentages standen drei verschiedene Führungen auf dem Programm: Eine Führung durch das Deutsche Hugenotten-Museum, eine kleine Wanderung zum Hugenotten- und Waldenserpfad oder eine Stadtführung zur Luthereiche und zum Calvin-Esskastanienbaum (einschließlich eines Besuchs des Invalidenhauses). Ich begab mich mit zwei Mitwanderern und der Führerin Dorothe Römer auf die sehr interessante Führung zum Hugenotten- und Waldenserpfad.

Fazit

Eine gelungene Veranstaltung und für mich persönlich eine sehr gute Entscheidung, den 49. Deutschen Hugenottentag besucht zu haben. Das Programm war sehr interessant und hat mich neugierig gemacht – auf das Leben der Hugenotten und Waldenser, den Hugenotten- und Waldenserpfad, weitere Stadtführungen in Bad Karlshafen und zusätzliche Besuche im Deutschen Hugenottenmuseum. Pastor Dr. Andreas Flick aus Celle hat den Hugenottentag hervorragend moderiert und war auch durch den bedauerlichen Ausfall eines Referenten nicht aus der Ruhe zu bringen. Insgesamt haben alle Referenten/Führer wesentlich dazu beizutragen, der Geschichte der Hugenotten auch in der Gegenwart einen gebührenden Platz einzuräumen.

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